Weibliche Sozialisation und Rivalität unter Frauen

Original-Titel: „Konkurrenz unter Frauen -Frauen und Konkurrenz“

Autorin: Cornelia Schmidt, Diplom-Pädagogin von 2004

Zum 8. März 2004: „Können wir nach 30 Jahren Frauenbewegung das Thema „Konkurrenz unter Frauen“ zufrieden ad acta legen?“

Konkurrenz unter Frauen – das weibl.  soziale Rollenverhalten —die Bestätigungssucht der Frau-

Bei diesem Thema tauchen viele Bilder vor mir auf, in denen ich mich zusammen mit Kolleginnen, Freundinnen, Schwestern, Klientinnen, Chefinnen sah, mit den unterschiedlichsten Gefühlen. Ich erlebte in meiner Erinnerung große Nähe, konstruktive Auseinandersetzung, große Enttäuschung und Verletztheit, fröhliches Lachen, Anteilnahme, Ablehnung, Kritik, Unverständnis usw.

Ein Kaleidoskop von unterschiedlichsten Frauenbeziehungen erschien da vor meinem inneren Auge. Konkurrenz und Rivalität unter Frauen schwang manchmal mit, stand plötzlich im Vordergrund oder war ganz verschwunden.

Ich möchte ich gleich zu Beginn die Definitionen der Begriffe Konkurrenz und Rivalität einführen und ich schließe mich der Definition von Gisela Kramer an, die schreibt: ‚Rivalität’ und ‚Konkurrenz’ meinen – laut Duden – nahezu dasselbe.

Rivalisierendes Verhalten darf aber nicht öffentlich gezeigt werden, da, wie bereits erläutert, Frauen dieses Verhalten nicht als anerkanntes zugestanden wird. Das hat zur Folge, dass Frauen ihre Rivalitäten nur verdeckt, verheimlicht ausleben dürfen, und es, nach außen hin und vor sich selbst, gleichzeitig verleugnen müssen. Dies wird als fies und intrigant bewertet, oder zumindest als „hintenrum“. Und diese Verhaltensweise wird dann im Umkehrschluss als typisch weiblich bezeichnet.

Die patriarchale Hierarchie betrifft nicht nur die Strukturierung der Gesellschaft, sie stellt ebenso eine Hierarchie der Gefühle und des Denkens her. Und erhebt beides zu einem regelrechten Besitzstand, der quasi nicht angetastet werden darf.

Alles, was an männlichen Tugenden dazu gehört, um Macht und Einfluss zu gewinnen, wird von der herrschenden Meinung (also auch von Frauen) für Frauen tabuisiert, indem sie für ein bestimmtes Verhalten – wie hartnäckig, laut dominant sein (alles Eigenschaften, die den Männern gestattet sind) – als „männlich“ diffamiert werden.“ (Kramer 1998, S.53)

Bei Frauen schwingen sofort negative Assoziationen, wie arrogant, überheblich, abweisend, etc. mit. Das Mittelmaß ist einzuhalten!!

Weiterhin ist wesentlich bei der Erfüllung der weiblichen Sozialisationsaufgaben, die soziale Kompetenz, das gut auf andere eingehen können, ausgeglichenes Klima herstellen, die Bedürfnisse der anderer wahrnehmen und in das eigene Tun mit einbeziehen. D.h. aber auch, dass als ein wesentlicher Punkt im Leben eines Mädchens/ einer Frau der Bezug zu anderen Menschen gesehen wird. Wenn Frauen sich also vor allem nett und sozial verträglich verhalten sollen, werden Verhaltensweisen wie konkurrierend oder rivalisierend, da sie diesem Postulat widersprechen, geradezu zu unanständigen, d.h. dem Anstand, also der herrschenden gesellschaftlichen Norm widersprechenden Verhaltensweisen und dürfen deshalb keinesfalls öffentlich gezeigt werden. (Doppelmoral)

Sucht nach Bestätigung

Frauen müssen sich bewusst machen, dass ihr ständiges Suchen nach Bestätigung von Außen, normal ist!

Ein Mann kann sich selbst bestätigen, egal, wie andere es sehen! Diese unterschiedlichen Bedrüfnisse, sind tief in uns verwurzelt und Frauen sollten sich das bewußtmachen.

Eine Frau definiert sich nicht über den Blick auf die eigene Person., sondern in Bezug auf den Blick der anderen auf sich selbst. Dies hat zur Folge, dass Frauen sich selbst nicht nur mit eigenen Augen, sondern sich gleichzeitig auch immer mit dem Blick von außen betrachten. D.h. der Blick des/der anderen auf einen selbst wird immer mit gedacht, mitgefühlt, mit gesehen.

Prof. Sabine Scheffler schreibt hierzu:

„Neuere Forschungen betonen die Situationsabhängigkeit des Geschlechtsrollenidentitätskonzepts. „Um mich als Frau zu fühlen, muss ich von anderen als Frau erkannt werden“.(passiv)

Die Sexualität wird eher von anderen Jungen an den Mädchen entdeckt (und bestätigt) wird und zwingt sie zu Reaktionen. Die Mädchen stehen unter besonderem Druck, sich psychosozial festzulegen und betreiben deshalb die Stilisierung und Ästhetisierung ihres Körpers in besonders intensiver Weise. Sie lernen aus den nonverbalen Reaktionen, dass Attraktivität die Chance auf eine Partnerschaft und damit auch die Chance auf die Teilnahme am sozialen Status erhöht.

„Sozialisationstheoretisch entsteht so ein relativ „stimmiges“ Bild: Das selbstbewusste, eigene Kompetenzen erlebende Mädchen verliert mit dem Beginn der Adoleszenz ihr Selbst und verbringt die Jugendphase damit, dem Wunschbild ihres sozialen Umfeldes entsprechen zu wollen.

Eine verunsicherte, überkritische Beziehung zum eigenen Körper verstärkt die Bereitschaft, sich der Außenbewertung zu unterwerfen.

Erst als Erwachsene, wenn Liebessehnsucht und Aufopferungsphantasien enttäuscht sind, findet die Frau zum aktiven Selbst zurück.“ (Hagemannn-White ) (Wie ein Kind, dass entdeckt, dass es doch kein Weihnachtsmann gibt)

„In einer männerbeherrschten Kultur scheint es, als ob Männer, ganz gleich wie sie aussehen, fast immer okay sind, während Frauen auch ganz gleich wie sie aussehen, nur selten okay sind und aus diesem Grund ständig meinen, sich herrichten zu müssen“. (Gloria Steinem 1992, in: Kramer 1998, S.26)
Hinweis auf Zunahme der Essstörungen bei jungen Frauen, Vergleich der Idealmaße in den vergangenen Jahrzehnten: Immer weniger, immer dünner.

Die wesentlichen Sozialisationsaufgaben bei Mädchen zielen immer noch darauf ab, dass Mädchen nett, hübsch, fleißig, sozial kompetent und einigermaßen klug sein sollen. Wichtig ist dabei, dass sie dies alles in einem bestimmte Mittelmaß sein sollen, d.h. sie sollen in keiner ihrer Fähigkeiten besonders hervorstechen, sollen nicht auffallen, sollen in einem hohen Maß dem Ziel der Anpassung an die geforderte Rolle folgen. Der Poesiealbum-Spruch: „Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein“, löst heute zunächst erst mal ein mitleidvolles Lächeln aus, hat aber in seiner Grundaussage leider nicht viel an Bedeutung verloren.)

Und Mittelmäßigkeit ist eben eine Kategorie, die sich mit Leistungsmessen und Wettbewerb schlecht vereinbaren lässt.

Ein ähnliches Phänomen finden wir auch in Frauenprojekten: Zwar unter dem Deckmantel der Frauensolidarität
, gab und gibt es auch hier häufig ein unausgesprochenes Verbot, sich zu exponieren, sich sichtbar zu qualifizieren und sich anders als die anderen zu zeigen, empor zu tauchen aus der Gemeinschaft der vermeintlich Gleichen.

Cornelia Schmidt
Diplom-Pädagogin

info@non-commercial.

Quelle: http://www.non-commercial.de

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Zitierte LiteraturAltenkirch, Brigitte: Die Moral des Nicht-Verletzens in Arbeitsbeziehungen von Frauen, in: Studienschwerpunkt „Frauenforschung“ am Institut für Sozialpädagogik der TZ Berlin (Hg.), Mittäterschaft und Entdeckungslust, Berlin 1989,Carmon-Daiber,Birgit u.a.: Schwesternstreit, Von den heimlichen und unheimlichen Auseinandersetzungen zwischen Frauen, Reinbek bei Hamburg 1983,

Duff Carolyn S. / Cohen, Barbara: Wenn Frauen zusammen arbeiten, Solidarität und Konkurrenz im Beruf, Frankfurt am Main 1997

Ebner, Michi: Wir. Ihr. Sie. Ich? Von Mobbing und anderen Ausschlussstrukturen in feministischen Kontexten, KOFRA 104/03

Flaake, Karin: Körper, Sexualität und Geschlecht, Studien zur Adoleszenz junger Frauen, Gießen 2001

Hagemannn-White, Carol: Berufsfindung und Lebensperspektive in der weiblichen Adoleszenz 1992, zitiert bei Scheffler, Sabine: Nur der Schluck und der Druck sind geschlechtslos, in: Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe, Dokumentation der Fachtagung Sucht – der KLEINE Unterschied vom 23. Februar 1999, S.11

Kramer, Gisela: Wer ist die Beste im ganzen Land, Konkurrenz unter Frauen, Frankfurt am Main 1998

Nuber, Ursula: Spieglein, Spieglein an der Wand … in: Psychologie heute Juli 2002

Scheffler, Sabine: Nur der Schluck und der Druck sind geschlechtslos, in: Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe, Dokumentation der Fachtagung Sucht – der KLEINE Unterschied vom 23. Februar 1999, S.11

Schön, Gerti: Frauen auf dem langen Marsch, in: Die Zeit 26.9.2002

Sheldon, Sidney: Zeit der Vergeltung, München 2001

Tenzer, Eva: besser, am besten, in: Psychologie heute September 2003

Weiterführende Literatur

Barber, Jill / Watson, Rita: frau gegen frau, Rivalinnen im Beruf, Reinbek bei Hamburg 1993

Fuchs, Brigitte / Habinger, Gabriele (Hg.): Rassismen und Feminismen, Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen, Wien 1996

Goldberg, Christine / Rosenberger, Sieglinde K. (Hg.): KarriereFrauenKonkurrenz, Innsbruck 2002

Koppert, Claudia (Hg.): Glück, Alltag und Desaster, Über die Zusammenarbeit von Frauen, Berlin 1993

Miner, Valerie / Longino, Helen E. (Hg.): Konkurrenz, Ein Tabu unter Frauen, München 1990

Schröter, Susanne: FeMale, Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern, Frankfurt am Main 2002

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